Das Coronavirus hat in diesem Jahr das wirtschaftliche Geschehen geprägt und die üblichen Einflussfaktoren der Devisenmärkte – wie die Geld- und Fiskalpolitik – verdrängt. Die Währungen bedeutender Rohstoffexporteure wie Australien, Brasilien, Kanada, Chile, Kolumbien, Neuseeland, Russland und Südafrika folgen typischerweise eng den gewichteten Indizes, worin sich die wirtschaftliche Bedeutung ihrer verschiedenen Rohstoffexporte widerspiegelt. Bislang ist 2020 ein Teil dieser Währungen weiter eng den jeweiligen Rohstoffindizes gefolgt, vor allem der australische (AUD) und der neuseeländische Dollar (NZD). Andere Währungen wie etwa der brasilianische Real (BRL), der chilenische Peso (CHL) und der südafrikanische Rand (ZAR) haben sich deutlich schlechter entwickelt als ihre jeweiligen Rohstoffindizes. Der kanadische Dollar (CAD), der Rubel (RUB) und der kolumbianische Peso (COP) fallen in eine Zwischenkategorie.
Ob eine Währung mit ihrem Rohstoffindex schrittgehalten hat, scheint maßgeblich von der Corona-Infektionsrate abhängig zu sein. Die Länder wurden zeitlich versetzt von der Pandemie getroffen und die Sterblichkeitsraten unterscheiden sich deutlich. Je höher die Sterblichkeit pro Kopf, desto wahrscheinlicher, dass sich die Währung auf risikobereinigter Basis schwächer entwickelt hat als ihr jeweiliger Rohstoffindex.
Da die Devisenmärkte tendenziell weniger volatil sind als die Rohstoffmärkte, berechnen wir zum Vergleich der relativen Trends die Information Ratio der Währung zwischen dem 1. Februar und 8. November 2020, sowohl gegenüber dem US-Dollar als auch gegenüber dem Rohstoffindex (ebenfalls in USD notiert). Anschließend ziehen wir die Information Ratio der Rohstoffe von der Information Ratio der Währung ab. Ist die errechnete Zahl positiv, hat die Währung den Rohstoffindex auf risikobereinigter Basis geschlagen. Fällt die Zahl dagegen negativ aus, hat sich der Rohstoffindex auf risikobereinigter Basis besser entwickelt als die Währung. Die Information Ratio ist die annualisierte Überrendite geteilt durch die annualisierte Standardabweichung der Überrenditen. Oder einfacher ausgedrückt: Rendite geteilt durch Risiko.
Der Vergleich der risikobereinigten Wertentwicklung der Währung abzüglich der des lokal gewichteten Rohstoffindex mit den Corona-Sterberaten offenbart eine negative Korrelation von -0,63, wenngleich die Stichprobe mit nur acht Ländern klein ist. Anders ausgedrückt: Je drastischer die Auswirkungen der Pandemie, umso wahrscheinlicher war eine schwächere Entwicklung der Währung gegenüber dem jeweiligen lokalen Rohstoffindex (bereinigt um die Währungs- und Rohstoffvolatilität).
Die von Australien und Neuseeland exportierten Rohstoffe unterscheiden sich deutlich. Australien exportiert vor allem Kohle (31 %), Eisenerz (29 %), Gold (18 %), Kupfer und Aluminium (jeweils 7 %). Aus Neuseeland kommen dagegen hauptsächlich Milchprodukte (60 %), Rindfleisch (14 %), Holz (20 %) und Aluminium (7 %). Ungeachtet dieser Unterschiede verzeichneten die jeweiligen gewichteten Rohstoffindizes für Australien bzw. Neuseeland im ersten Quartal Verluste und erholten sich im zweiten Quartal wieder (Abbildungen 1 und 2). Auf risikobereinigter Basis haben AUD und NZD mit ihren jeweiligen Rohstoffindizes weitgehend schrittgehalten. Trotz der im Vergleich zu anderen Ländern extrem niedrigen coronabedingten Sterblichkeit übertraf auf risikobereinigter Basis keine der beiden Währungen nennenswert den jeweiligen Rohstoffindex. Die Rohstoffsektoren der beiden Länder hatten bislang nur mit moderaten Auswirkungen der Pandemie zu kämpfen, während andere Bereiche, z. B. der Tourismus, schwer betroffen sind. In Australien generiert der Tourismus 3 % des BIP, in Neuseeland sind es 6,5 %.
Sowohl Kanada als auch Russland sind wichtige Exporteure in den Bereichen Energie, Metalle und Landwirtschaft. Die Pandemie hat die beiden Länder stärker getroffen als Australien und Neuseeland, aber nicht in demselben Ausmaß wie andere Rohstoffexporteure. CAD und RUB haben sich in der Pandemie bislang etwas schwächer entwickelt als die jeweiligen Rohstoffindizes (Abbildungen 3 und 4). Anders als in Australien und Neuseeland, wo der Sommer bevorsteht und kaum noch Menschen an oder mit dem Coronavirus sterben, ist die coronabezogene Sterblichkeit in Kanada und Russland jüngst deutlich angestiegen. Die beiden Währungen stehen deshalb vor zwei schwierigen Fragen:
Angesichts eines der weltweit schlimmsten Ausbruchsgeschehen der Pandemie mussten die brasilianischen Minen die Produktion von Eisenerz und anderen Rohstoffen drosseln. Dies trug zu einem globalen Anstieg der Eisenerzpreise bei, während die Erträge im Bergbau und der BRL gleichzeitig unter Druck gerieten. Bis März hatten sich der BRL und unser gewichteter Rohstoffindex Brasilien im Gleichschritt bewegt. Der BRL hat sich in der Pandemie aufgrund der Schließungen im Bergbau und der Auswirkungen des Coronavirus auf andere Wirtschaftszweige des Landes, z. B. den Tourismus, deutlich schlechter entwickelt als die Rohstoffpreise (Abbildung 5).
Der USD-Wert von Kupfer, dem wichtigsten Exportgut Chiles, ist seit Beginn der Pandemie massiv gestiegen. Der CLP konnte damit jedoch nicht schritthalten (Abbildung 6). Grund dafür könnten die vorübergehenden Schließungen oder Produktionskürzungen bestimmter chilenischer Minen infolge des Anstiegs der Coronazahlen im Herbst und Winter des Landes sein. Zeitgleich ließ die niedrigere Produktion die Kupferpreise in die Höhe schnellen, wovon Chile aufgrund des niedrigeren Volumens an exportiertem Kupfer jedoch kaum profitieren konnte.
Ähnliches gilt für Südafrika. Auch der südafrikanische Bergbau musste die Produktion drosseln, sodass weniger Platin, Gold, Eisenerz, Diamanten und andere Rohstoffe gefördert wurden. Dem Land fehlten deshalb Exporteinnahmen und positive Auswirkungen von Preissteigerungen auf den ZAR waren begrenzt (Abbildung 7).
Gut ist für diese drei Länder, dass der Frühling auf der Südhalbkugel aktuell dem Ende zugeht. Wenn die höheren Temperaturen und andere Faktoren die Verbreitung des Virus verlangsamen, könnte sich die Konjunktur erholen, sodass es die Währungen dann eher schaffen könnten, mit den Rohstoffpreisen wieder schrittzuhalten. Tatsächlich geht die Sterblichkeit in allen drei Ländern allmählich zurück. Besonders spürbar sind die Auswirkungen davon in Südafrika, wo in den letzten Wochen eine Erholung im ZAR eingesetzt hat.
Kolumbien wurde vom Coronavirus besonders schwer getroffen, doch die Auswirkungen auf die Währung waren etwas milder als in Brasilien, Chile oder Südafrika. Die Wertentwicklung des COP ähnelt eher der des CAD oder des RUB (Abbildung 8). Wie Kanada und Russland ist Kolumbien hauptsächlich von Rohölexporten abhängig. Auch die Landwirtschaft ist ein wichtiger Exportsektor. Im Unterschied zu Brasilien, Chile oder Südafrika spielt der Metallbergbau im kolumbianischen Exportmix nur eine kleine Rolle. Der Wert der kolumbianischen Exporte hängt vor allem von der weltweiten Nachfrage nach Rohöl und Mineralölerzeugnissen ab, da auf der Nordhalbkugel der Winter beginnt. Dort leben 90 % der Weltbevölkerung und insbesondere Europa und die USA haben noch mit erheblichen Problemen im Zusammenhang mit der Pandemie zu kämpfen.
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Erik Norland ist Executive Director und Senior Economist der CME Group und somit für die wirtschaftlichen Analysen der globalen Finanzmärkte verantwortlich. Dabei identifiziert er aufkommende Trends, bewertet wirtschaftliche Faktoren und prognostiziert deren Auswirkungen auf die CME Group und ihre Geschäftsstrategie sowie auf die Anleger, die an den verschiedenen Märkten des Unternehmens handeln. Er ist außerdem einer der Sprecher der CME Group für Themen, die die globale wirtschaftliche, finanzielle und geopolitische Lage betreffen.
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